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Extra Blatt I/2004                               


 

 

„PENDEL UND FEDER“ IN WINDECKDer Verwalter der Zeit

 



























ERSTELLT 24.01.2014 - Torsten Reichmann arbeitet in seiner Werkstatt. Foto: Bilder: Julia Kaiser


Torsten Reichmann aus Windeck führt das Unternehmen „Pendel und Feder“: Wer die kleine Werkstatt an der Schnepper Straße betritt, der fühlt sich sogleich in einen Michael-Ende-Roman versetzt. Nur der Verwalter der Zeit sieht hier anders aus.  VonJulia KaiserDruckenper MailWindeck. 

Wer die kleine Werkstatt an der Schnepper Straße betritt, der fühlt sich sogleich in einen Michael-Ende-Roman versetzt. „Das tausendfältige Schnurren und Ticken und Klingen und Schnarren von unzähligen Uhren jeder Gestalt und Größe“, heißt es im weltbekannten Roman „Momo“.

Nur der Verwalter der Zeit sieht in Windeck anders aus: „Meister Hora“ trägt Jeans, Hemd und Brille und heißt Torsten Reichmann. Umgeben von Hunderten Zeitanzeigern betreibt er im Windecker Ortsteil Werfen sein Unternehmen „Pendel und Feder“. Dort repariert der Feinmechaniker Taschenuhren, Standuhren und Tischuhren, Wanduhren und Armbanduhren, mechanische Uhren und Uhren mit Quarzwerk, mit analoger und digitaler Anzeige, und überhaupt alles, was eine Unruh in sich trägt – oder auch nicht. „Es gibt nichts, was ich nicht zu reparieren versuche. Die Geräte sind unglaublich vielfältig“, schwärmt Reichmann.

Präzisionsmechanik habe ihn schon immer fasziniert, erklärt der gebürtige Jenaer. Begonnen habe er mit Versuchsaufbauten für Universitätswerkstätten, sattelte nach seinem Umzug nach Windeck um auf Maschinenbautechnik und landete schließlich bei dem, womit er sich heute als Spezialisten seiner Branche empfiehlt: Zeitmesser aller Art und Güte.

Zu seiner Profession sei er gekommen wie die Jungfrau zum Kind: Ein Dachbodenfund reizte ihn vor vielen Jahren zur ersten Sanierung, er schaffte eine Arbeitsplatzunterlage an, Zange, Öl und ein wenig Ausstattung. „Pendel und Feder“ war geboren. „Es war ein bilderbuchmäßiger Erfolg“, sagt der Inhaber. Bei immer mehr Kunden habe sich sein kleiner, aber emsiger Betrieb herumgesprochen, den er vor 14 Jahren gegründet hat. Heute suchten ihn nicht nur Uhrenbesitzer aus der Region auf, sondern aus allen Ecken Nordrhein-Westfalens.

 

 

 




Uhrmacher Torsten Reichmann aus Windeck          - Bildergalerie... (9 Bilder)

 

 

Ein Reparaturstück, das in seinen Händen landet, wird gereinigt, teils mit Spezialgerät, teils per Hand. Ist das Corpus delicti frei von Fett und Schmutz, beginnt die knifflige Arbeit: Die oft nur wenige Millimeter großen Zahnrädchen, Wellen, Federn, Lager und Zapfen werden untersucht und auf ihre Funktionsfähigkeit getestet. Fehlen Teile oder sind sie verschlissen, muss Reichmann passenden Ersatz auftreiben - oder ihn selbst bauen. Anschließend wird die Uhr zusammengesetzt und auf Funktionsfähigkeit geprüft.

 

Sie läuft nicht? Also wieder auseinander bauen und nach dem Fehler suchen. „Bis zu zehnmal kann das so gehen“, berichtet der Fachmann. Lässt sich das Gerät starten, kommt die langwierigste Phase: der Testlauf. Nicht nur einige Stunden lang muss ein Proband nach der Reparatur seine Funktionstüchtigkeit unter Beweis stellen, sondern zwei bis vier Wochen. „Ich muss die Uhren ein- bis zweimal aufziehen, um zu sehen, ob sie auch wirklich wieder intakt sind. Das Kritische sind Datumsgrenzen, also die Übergänge von Tag und Nacht oder von Monatsende zu Monatsanfang.“

 

 




Wann kommt der Kuckuck? 

Auch Nachtschaltungen und selbst Mondphasen machten manchen Geräten zu schaffen, berichtet Reichmann. Absolviert der Kandidat alle Tests mit Bravour, kann der Besitzer ihn wieder abholen. Je nach Aufwand muss dieser dann mehr oder weniger Geld auf den Tisch legen. Damit keine böse Überraschung dräut, legt der Uhrmacher jedem Kunden vorab eine Kostenschätzung vor. Die Ergebnisse, verrät Reichmann schmunzelnd, würden unterschiedlich aufgenommen. „Manche Kunden kommen mit einem wertvollen Erbstück und legen ohne mit der Wimper zu zucken 500 Euro für die Instandsetzung hin. Andere wollen nur ein kaputtes Flohmarktteil flottmachen, um es im Internet zu versteigern. Die müssen dann schon bei 50 Euro unters Sauerstoffzelt.“

Die Kunden seien so vielfältig wie die Uhren, die sie brächten, sinniert Reichmann, und jeder Auftrag berge Überraschungen. Besonderen Spaß machen ihm ausgefallene Exemplare wie jene Wanduhr, bei der sich zum Glockenschlag eine filigrane Kutscherfigur in Bewegung setzt, die mit ihrer Peitsche ein Pferd antreibt. Auch andere Spielereien wie Klappaugen und sogar erotische Darstellungen bergen Zusatzfunktionen, die des Mechanikers Herz höher schlagen lassen.

Einzig eine Leistung bietet die Werfener Werkstatt nicht an: Komplette Neubauten. „Das wäre auch nicht mehr zu bezahlen“, sagt Reichmann. Wenn die Einzelteile alleine schon mit mehreren Hundert Euro zu Buche schlügen, dann bedeuteten Neuanfertigung oder Nachbau schon einige Tausend.

Deshalb beschränkt sich Torsten Reichmann auf die Aufträge seiner Kunden, auf die Anfertigung von Ersatzteilen und den Handel mit speziellen neuen oder auch instandgesetzten Uhren. Zudem erstellt er Gutachten und Bewertungen von kostbaren Einzelstücken oder gerichtlichen Streitobjekten. Das alles sei spannend genug. Und der Nachschub scheint beim Blick auf die tickenden, schnarrenden, klingelnden Exemplare in seiner Werkstatt auch nicht auszugehen.

 


 

 

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